Loop-Musik im Radiofeuilleton – Deutschlandradio Kultur am 27.04.2013

photo credit: enderisnotmyrealname via photopin cc

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Jetzt wird’s technisch. Es geht um Wiederholungen und um musikalische Schichten. So genannte Live Looping Künstler stapeln Klänge, Melodien und ganze Songstrukturen übereinander, mit digitalen Loop-Samplern. So kann aus einem Solokünstler ein ganzes Orchester werden. Theresa Andersson gehört zu dieser Live Looping Szene. Die in New Orleans lebende Schwedin liebt es, mit diversen Instrumenten und technischen Klangerzeugern auf der Bühne zu stehen. Wie sie ihre Musik genau macht, erfahren Sie gleich. Wie die Musik klingt, erfahren schon aber sie jetzt: Hier ist sie mit “Street Parade”.

Solokünstler waren Jahrzehntelang beschränkt auf Gesang und vielleicht ein, maximal zwei Instrumente, zumindest wenn es um die Live-Performance geht. Dank der digitalen Technik ist das aber längst vorbei. Denn es gibt sogenannte Loop-Pedals. Das sind digitale Sampler, meistens verbaut in Fußpedalen.

Ein Tritt startet die Aufnahme. Z.b. eine Gitarrenspur, ein weiterer Tritt speichert die Aufnahme und gibt das eben aufgezeichnete sofort wieder. Tonspur für Tonspur entsteht so eine Komposition aus Miniatur-Endlosschleifen. So lassen sich dann auch ganz einfach unterschiedliche Instrumente, Gesangspuren und Soundeffekte einbringen.

Der amerikanische Folk-Pop Musiker Ari Herstand demonstriert das sehr anschaulich. Er beginnt mit Beat-Boxing, dann kommt die Gitarre, darauf folgt Klavier, Gesang und Blasinstrumente. Alles besteht aus übereinandergeschichten Musikschleifen. Wir hören sein Stück “Home Tonight”.

Home Tonight von Ari Herstand. Der Amerikaner hat sich auf die Soloperformance mit Loop-Sampler spezialisiert. Auf seiner Clean Up EP ist er für Gesang, Gitarre, Trompete, Beat-Box, Klavier und Streicher verantwortlich. Viele dieser Instrumente kommen in seinen Songs vor – und zwar live von ihm eingespielt. Die digitale Technik macht’s möglich.

Das Looping, also das Aufzeichnen und sofortige Abspielen einer Ton-Aufnahme geht zurück bis in die 50er Jahre. Die Experimentierfreudigkeit in der Neuen Musik und vorallem die Live-Tonband-Experimente von Künstlern wie John Cage sind da als Pionierarbeiten zu nennen. Was vor einem halben Jahrhundert mit riesigen Apparaten begann, passt heute in winzige Mikrochips. Aber die Technologie allein macht noch keine Kunst.

Deshalb hat sich der Londoner Dub- und Dancehall Musiker MC Xander absichtlich limitiert. Er benutzt ausschließlich Loop-Sampler und Mikrofon. Alle Klänge erzeugt er mit seinem Mund. — Die Einzelaufnahmen schichtet er übereinander, variiert sie bei der Wiedergabe und verzerrt sie hier und da mal mit digitalen Filtern und Effekten. Heraus kommt eine einzigartige Komposition, die live immer anders klingt. Hier ist er mit Sick Of The Lies.

MC Xander mit Sick Of The Lies von seinem Album “Eyeopeness”. Acapella Vocaltronica nennt er seine Musik, die inspiriert ist von Dub, Reggae und Dancehall. Alle Klänge erzeugt der Brite übrigens nur mit seiner Stimme, bzw. mit seinem Mund und einem Loop-Sampler. Minimalistischer geht’s nicht.

Da ist die Schwedin Theresa Andersson im direkten Vergleich schon recht opulent aufgestellt. Die in New Orleans lebende Multiinstrumentalistin kam eigentlich ganz zufällig in die Live-Looping Szene. Um eine Tour mit einer ganzen Band zu machen, fehlte ihr das Geld. Deshalb suchte sie eine Möglichkeit, ihre Instrumente auf der Bühne selbst einzusetzen.

Da kam ihr ein Loop-Sampler ganz gelegen, denn der erlaubt ihr, Glockenspiel, Gitarre, Schlagzeug, Trompete, Klavier, einen alten Plattenspieler und natürlich ihre Stimme einzusetzen, und das ganz ohne Band.

Das Ergebnis klingt dann so. Hold On To Me, von Theresa Andersson.

Die Loop-Musik-Szene ist geprägt von Live-Aufzeichnungen, die sofort wiedergegeben, die Basis einer ganz eigenen Songstruktur bilden. Oftmals sind die Wiederholenden Klang- und Melodie-Schnipsel ganz klar zu identifizieren, da sie oft auf einander aufbauen. Der norwegische Retro-Soul-Musiker Bernhoft hat jedoch ein Mittel gefunden, diesen Eindruck zu verbergen. Seine Stücke klingen wie aus einem Guss. Die wiederholenden Passagen versteckt er mit erweiterten Harmonien und beinahe gegenläufigem Gesang. Hier ist er mit seinem Live-Loop-Hit “Choices”.

“Choices” von Bernhoft aus Norwegen, hier in einer Live-Version, die der 36jährige bei der Video-Plattform Vimeo veröffentlicht hat. In dem Video kann man auf beeindruckende Weise sehen, wie er nur mit Gitarre und seiner Stimme diesen Sound Stück für Stück entstehen lässt.

Mittlerweile sind die Loop-Sampler jedoch nicht nur für Solokünstler interessant, sondern auch für einzelne Bandmitglieder, Gitarristen zum Beispiel, die ihr Gitarrenspiel erweitern, oder Sänger und Sängerinnen, die dank der Loops einen ganzen Chor entstehen lassen können.

Diese Techniken wollen natürlich erprobt und deren Grenzen ausgetestet werden. Eine, die immer ganz vorne dabei ist, wenn es um Musik und Technologie geht, ist die Britin Imogen Heap. Sie versteckt auch sehr gerne Loops in ihren Songs. Bald kommt ein neues Album der Multiintrumentalistin. Einen kleinen Vorgeschmack darauf hat sie im Netz veröffentlicht. You Know Where To Find Me.

Imogen Heap mit ihrer Single “You Know Where To Find Me”. Du weißt wo du mich finden kannst. Und das ist bei der Britin ganz sicher das Internet. Kaum ein anderer Künstler pflegt einen so engen Kontakt mit Fans über das Netz.

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