Unser Geist in der Maschine

Foto: Gehirnähnliche Muster in elektronischen Schaltkreisen CC BY-SA Flickr/Osamu Iwasaki
Foto: Gehirnähnliche Muster in elektronischen Schaltkreisen CC BY-SA Flickr/Osamu Iwasaki

Mensch und Maschine kommen sich näher. Denn die zunehmende Anzahl von Alltagssensoren in Smartphones gibt den Geräten nicht nur bessere Kenntnisse über unsere Umwelt; Sie lernen auch uns immer besser kennen. Der Blick in den Datenstrom des eigenen Körpers wird bald so normal sein wie der Blick in den Nachrichtenstrom des Netzes.

Ich kann mich noch vage an mein erstes Mobiltelefon erinnern. Monochromes Display, ein auf 100 SMS limitierter Speicher und eine handvoll Klingeltöne, deren Sounddesign in meiner Erinnerung dem Gefühl nahe kommt, das entsteht, wenn Fingernägel an Schultafeln entlang schaben. Die Notwendigkeit eines solchen Gerätes ergab sich mir nicht. Was mich interessierte, war das Internet, das in dieser Zeit in meiner Wahrnehmung in keinerlei Hinsicht mit dem Mobiltelefon verknüpft war. Denn das Netz kam aus einer anderen piepsenden, etwas größeren Plastikbox. Sie stand auf meinem Schreibtisch, neben dem 14 Zoll großen Röhrenmonitor, der mir in 256 schillernden Farbabstufungen das von Wackelbildern dominierte World Wide Web präsentierte.


Ein wachsendes Phänomen, das Internet (TV-Bericht von 1993) | Youtube/ChrisboxDOTcom

In den wenigen Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich nicht nur die Technologie verändert – auch mein Selbst-, Menschen- und Weltbild ist ein anderes geworden. Es steht in einem engen Zusammenhang mit der technischen Entwicklung, die mich umgibt. Die Rechenleistung und Sensorik meines aktuellen Smartphones übersteigt meine damalige Vorstellung von Computer- und Netzwerkarchitektur bei Weitem. Hätte mir jemand erzählt, dass Gigahertz starke Doppelkernprozessoren, mehrere tausend Megabyte große Speicher, Audio- und Videofunktion, Ortungschips, Funk- und andere Kommunikationsschnittstellen, Bewegungs- und Lagesensoren und berührungsempfindliche Oberflächen in nur wenige Kubikzentimeter passen – ich hätte ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Dasselbe gilt übrigens für das Maß der heute vorherrschenden digitalen Vernetzung und der Quasi-Aufhebung von Privatheit.

Die Wahrnehmung von digitaler Nähe
Heute hat die Technologie und besonders das Netz eine unterbewusste Omnipräsenz erreicht. Die Trennung von Mobiltelefon und Internet, die noch vor einigen Jahren vorherrschte, ist aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar, genauso wie es für viele Menschen überhaupt unvorstellbar geworden ist, in einer Welt zu leben, in der es kein Netzzugang gibt. Die Maschine wird zunehmend unsichtbar und integriert sich immer mehr in unseren Alltag und damit in uns selbst. Sie assimiliert uns oder erweitert uns, je nachdem aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Diese Entwicklung ist jedoch recht neu, denn der Beginn der Digitalisierung war stets mit einer Schranke verbunden, die zwischen uns und der Maschine existierte. Die Größe der Rechner, mit denen wir interagierten und die Interfaces, mit denen wir arbeiten mussten, waren so ausgelegt, dass wir uns der Maschine anpassen mussten. Wir waren dazu gezwungen, ihre Sprache zu lernen, uns nach ihren Regeln zu richten. Heute hört die Maschine uns zu. Sie hat gelernt, sich dem Menschen anzupassen. Diese neuentstandene Nähe wird uns erst langsam bewusst. Während die frühe digitale Technik uns von uns selbst entfernte, indem sie uns dazu zwang uns ihren (unmenschlichen) Regeln zu unterwerfen, ermöglichen moderne Interfaces eine zunehmend beobachtbare Verschmelzung von Mensch, Technik und Netz. Das erzeugt eine neue Nähe zu uns selbst.

Smartphones und Tablets bieten nicht nur einen Blick in die Welt, sondern auch einen Blick in uns. Es entsteht eine Art digitales Spiegelbild. Diese Erkenntnis ist noch längst nicht überall angekommen. Denn zum Großteil nutzen wir Technologie, um unseren Blick nach außen zu erweitern. Wetter, Straßenkarten, Email, News – der extern gelieferte Nachrichtenstrom ist immens. Dass wir ebenso faszinierende und für uns selbst wichtige Datenlieferanten sind, wird erst langsam klar. Denn immer mehr Gadgets ermöglichen eine detaillierte Selbstbeobachtung. Wie oft bewege ich mich und wie viele Kalorien verbrenne ich wahrscheinlich dabei? Wie hat sich mein emotionaler Zustand in den letzten 3 Monaten verändert? Wie sieht mein Schlafrhythmus aus, mein Puls, meine Lungenfunktion? All das kann ein Smartphone mit entsprechenden Apps und Zusatzgeräten bereits heute erfassen. Und es kommt bald mehr dazu. Wer glaubt, dass Microsofts Controllerlose Körperbewegungssteuerung Kinect (und dessen Erweiterungen) bereits nach wahrgewordener Science Fiction klingt, der sollte sich die aktuelle Entwicklung im Bereich der Brain-Computer-Interfaces anschauen. Bald werden wir die ultimative menschliche Schnittstelle der Maschine und dem Netz zu Verfügung stellen, unser Gehirn.


Helikoptersteuerung mit Gehirn-Computer-Schnittstelle | Youtube/Rich1176

Rund um das EEG-Messgerät Emotiv EPOC hat sich bereits heute ein ler App-Markt entwickelt. „Based on the latest developments in neurotechnology, the Emotiv EPOC is a revolutionary, new personal interface for human computer interaction“, wirbt der Hersteller. Per Gedanken Computerspiele steuern, kleine Flugroboter beherrschen und das eigene Gehirn beim Arbeiten beobachten, all das ermöglicht dieses Interface. Und zwar Jetzt! Und dabei handelt es sich nicht um unbezahlbare Forschungsgeräte. Das Emotiv-Headset kostet gerade mal 300 US-Dollar. Noch günstiger und individuell anpassbar sind die Modelle der Open Source Welt. Bereits heute entsteht eine Vielzahl von Interfaces, die ein Data-Mining des Hirns ermöglichen. Mit der Methode des Neurofeedbacks ist zudem auch ein Art „Schreibvorgang“ möglich, der durch eine visuelle Wahrnehmung und dadurch resultierenden Rückmeldung des eigenen Hirnstrommusters die Selbstregulationsfunktion des Gehirns anspricht. Werden diese an sich simplen technischen Sensoren in zukünftige Smartphones oder entsprechende Addons verbaut, nimmt die bereits begonnene Erweiterung des Menschen eine neue Dimension an.

Zwischen Selbstoptimierung und Totalüberwachung
Der Blick in den Datenstrom des eigenen Körpers wird bald so normal sein wie der Blick in den Nachrichtenstrom des Netzes. Hirndaten werden den Alltag prägen. Ein aktuelles Beispiel liefert der EEG-Fahrradhelm des MIT Media Lab, der bei einem konzentrierten Fahrer grün leuchtet und bei Unsicherheit oder Angst rot blinkt und damit andere Verkehrsteilnehmer warnt. Auch Kunst und Kultur werden sich verändern. Das Gehirn ist das einzig wahre Instrument, schreibt unter anderem Lee Sankey in seinem Buch „Brainstruments„. Das zeigt der Norweger Mats Sivertsen bereits im Ansatz heute mit seinem SubCONCH-Projekt, das Hirnwellen in Töne verwandelt.

Bald wird mir das Smartphone sagen, wann ich meine produktivste oder kreativste Phase haben werde, wann ich eine Ruhepause brauche, was mir helfen wird, mich zu entspannen. Die individuellen Körperdaten werden in der Cloud mit Daten aller User korreliert, so optimiert sich der Empfehlungsalgorithmus eigenständig. Der Echtzeit Lifestream ins Netz verknüpft mich außerdem mit Personen, mit denen ich „auf einer Wellenlänge“ bin. Dank einer entsprechenden Facebook Mind-App ist das kein Problem. Das Konzept des Social Graphs wird demnach um eine wichtige Komponente erweitert. Facebook wird wissen was uns wirklich gefällt und die Produkthersteller werden ebenso genau wissen, wie sie unser Gehirn zum Kaufakt stimulieren können. Bei Google+ wird es Brain-Circles geben und die IP-Adresse des Android-Smartphones wird an die Hirnwellensignatur des Nutzers gekoppelt. Die Unlock-Funktion geschieht ausschließlich per Hirnwellenabgleich. Die Pseudonym-Diskussion hat sich damit endgültig erledigt, denn jeder Mensch ist identifizierbar geworden. Apple bietet die komfortabelsten Brain-Interfaces, den iMind, und erweitert seinen Appstore mit dem Patent der iFeelings. Ein Tag glücklich sein kostet 99 Cent, das Jahresabo 99 Euro. Damit steht Apple im harten Konkurrenzkampf mit den ehemaligen Pharmaunternehmen, die ihrerseits virtuelle Glückspillen im App-Format verkaufen. Auch der Staat mischt mit und verpflichtet alle Smartphonehersteller zur Implementierung des neuen Staatstrojaners, die App überwacht Hirnströme und etabliert ein revolutionäres Präventivkonzept für mehr Sicherheit: Automatic Distributed Sanctions bei abweichendem Verhalten und Denken.

Dieser Artikel erschien am 01.11.11 bei www.metawelle.net

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