Särge, Jugend und ein Kuchen. Drei Empfehlungen zum Hinhören.

Särge, Jugend und ein Kuchen - Empfehlungen zum Hinhören

In seinem viel zu langen aber trotzdem lesenswerten Artikel stellt Stan Alcorn absolut treffend fest, dass Audioinhalte im Netz einfach nicht die passenden Eigenschaften besitzen, die sie – anders als Bilder, Texte oder Videoclips – viral werden lassen. Das Hauptproblem: „You can listen while you drive or do the dishes, an insuperable competitive advantage over text or video, which transforms into a disadvantage when it comes to sharing the listening experience with anyone out of earshot.“ Bis wir einen Social Media integrierten „Share Now“ Button in all unseren Podcast- und Radio-Apps haben, bleibt vorerst nur die gute alte Empfehlung via Blog-Post. Ich fange einfach mal an. Hier sind drei Stücke, die mich beim Hören fasziniert haben und – noch viel wichtiger – Stücke, die nachklingen.

„Stellt den Sarg hochkant und tanzt!“

Ursula von Gagern-Passier, bei ihren Verwandten und guten Bekannten besser bekannt als Mummerli, war die „beste Großmutter der Welt“. Zumindest für Melina von Gagern. Sie hat mit ihrem Stück „Stellt den Sarg hochkant und tanzt! Tag- und Nachtgedanken einer 100-Jährigen“ ein ganz und gar wunderbares Porträt ihrer 102-jährigen Großmutter geschaffen. Mummerli notierte in den letzten fünf Jahren ihres Lebens Gedanken, Erinnerungen und Alltagsbeobachtungen auf Zetteln, die in vertonter Form den Großteil des Stückes ausmachen. Die Textfragmente erzählen aus dem Leben, kommentieren den Zeitgeist eines ganzen Jahrhunderts und gehen sogar posthum einen Dialog mit Verwandten und Bekannten ein, die ebenfalls im Stück zu Wort kommen. Wenn man nach knapp 47 Minuten Mummerlis letzte Worte hört, kann man sich eigentlich keinen besseren Tod vorstellen. „Ich bin zufrieden. Dank allen für alles. Macht keine Umstände mit mir, stellt den Sarg hochkant und tanzt.“ (Deutschlandfunk, 17.01.2014)

Wer darf sagen was Heimat ist?

Juan kam vor 16 Jahren illegal in die USA. Er war einer von mehreren Jugendlichen, die im Rahmen der Sendung „Radio Diaries“ ein Aufnahmegerät bekamen, um ihren Alltag zu dokumentieren. 16 Jahre später erreicht Juan erneut eine Anfrage der Radiomacher, sie baten ihn um die Fortsetzung seiner Geschichte. Er erzählt von einem Leben zwischen gefühlter Normalität Amerikaner zu sein und der ständigen Angst abgeschoben zu werden, trotz Familie, eigenem Haus und regelmäßiger Arbeit. Durch den Einsatz des 16 Jahre alten Materials, das eine hörbare Brücke in Juans Vergangenheit aufbaut, wird das Stück außergewöhnlich stark, besonders in der Situation, in der Juan mit seiner Tochter die alten Aufnahmen hört. Die komplette Reihe der „Teenage Diaries Revisited“ lohnt sich aber Juans Geschichte hat mich am meisten beeindruckt. (Radio Diaries Revisited. Juan: 16 Years later, radiodiaries.org)

Kuchen, Kino, Telefon

„Eat Cake“ schlug am Valentinstag in meinem Podcatcher auf. Das Stück wurde bereits im Jahr 2009 produziert und erzählt eine schön schräge, bzw. nerdige Liebesgeschichte, von der man in den ersten Minuten denken könnte, dass sie „echt“ sei. Tatsächlich handelt es sich bei dem Stück um eine improvisierte Inszenierung. Es geht um Erwartungen und Traditionen, um Kuchen und Telefonanrufe und natürlich um den unerklärlichen Weg, den die Liebe nehmen kann. (Eat Cake, The Truth Podcast, thetruthpodcast.com)

Bild (s.o.): cc-by Flickr/Infrogmation

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