Die mobile Radiostation

Foto: CC-BY Flickr/David Jones

Mobil Radiobeiträge oder Podcasts aufzuzeichnen ist einfach, dafür gibt es unzählige Flashrekorder und Smartphone-Apps. Auch für das Senden von (Live)Video gibt es eine riesige Auswahl an Apps. Dank Ustream, JustinTV, Livestream und Co. werden Smartphones per Knopfdruck zur Web-TV-Zentrale. Im Zuge der Entwicklungen scheint es fast so als wäre das mobile Livesenden von Audioinhalten übersprungen, bzw. vergessen worden, denn eine Audio-Only-Option bieten die Streaming-Dienste nicht und eine reine Audiolivestreaming-Plattform oder App gibt es (noch) nicht.

Trotz dieser misslichen Lage lässt sich mit ein paar Handgriffen ein mobiles (Web)Radiostudio einrichten, das klanglich durchaus überzeugen kann.

Die Tonqualität eines Smartphones lässt sich mit einem externen Mikrofon um ein Vielfaches erhöhen und dank cleverer Adapter wie dem iRig PRE, kann man sogar Mikrofone mit Phantomspeisung versorgen und somit ein hochqualitatives Tonsignal in ein iPhone oder Android-Telefon schleusen. Dort kann man es aufzeichnen und/oder mit Streaming-Apps wie BroadcastMySelf (Android) oder iCast Pro (iOS) an einen Icecast-Server weiterleiten. Dieser erzeugt einen Audio-Livestream, der von Hörern empfangen werden kann, zum Beispiel via Winamp, iTunes oder Smartphone-App. Fertig ist der mobile Radiosender.

Die folgende Hörprobe wurde mit diesem Setup realisiert:

Mic (MXL990) -> iRig PRE -> Galaxy Nexus -> BroadcastMySelf -> Icecast Server -> iTunes

Die Original-Aufnahme durch das Mikrofon klingt nochmal besser. Die obige Aufnahme wurde von der Broadcast-App komprimiert und an den Icecast-Server übermittelt, wo nochmals eine Echtzeitverarbeitung des Signals stattfindet. Die Hörprobe ist also der komprimierte Audiostream (64kbps), der beim Hörer ankommt. Mit etwas mehr Bitrate, bzw. weniger Kompression klingt das Endergebnis besser. Die folgende Aufnahme wurde mit dem gleichen Setup gemacht. Allerdings lokal mit 320kbps als MP3 auf dem Smartphone aufgezeichnet.

Mobiles (Live)Podcasten
Die Podcast-Szene findet zum Großteil am Tisch statt. Mit Laptop, Mischpult, Headsets, Kopfhörerverstärker und vielen Kabeln. Dieses stationäre Setup lässt eigentlich nur Gesprächsformate zu. Wer ein mobiles „Studio“ nutzt, kann auch bewegliche Formate produzieren. Reportagen zum Beispiel. Der geteilte Kopfhörerausgang des mobilen Aufnahmegeräts könnte via iRig zum Smartphone weitergeleitet und gesendet werden. So hört jeder genau das was der Reporter hört. Die Reportage wird dann live via 3G-Mobilnetz (noch besser per LTE) vom Smartphone aus gesendet und parallel aufgezeichnet. Sobald die Livesendung/Aufnahme abgeschlossen ist, landet das Audio wie gewohnt als Podcast im Netz.


Der „mobile“ Neukölln-Podcast Kiezradio sendet demnächst auch live.

Mehr Transparenz und Offenheit im Radiojournalismus
Interviews, aus denen später ausgewählte O-Töne einen komprimierten Radiobeitrag formen, könnten während ihrer Aufzeichnung live vom Smartphone der Autoren gesendet werden. So bekämen interessierte Hörer vorab einen Eindruck vom Thema und die Transparenz gegenüber dem Publikum würde steigen. In Verbindung mit Social Media lässt sich so auch das Profil des Autoren / Radiosenders schärfen. So wie heute schon oft getwittert wird: „Ich interviewe heute Experte XY zum Thema Soundso. Beitrag läuft Morgen im Programm.“, könnten Hörer live beim Interview dabeisein. Das bringt dem Thema und dem Radiobeitrag bereits vor seiner Fertigstellung Aufmerksamkeit. Nützlicher Nebeneffekt: Das via Social Media eingeholte Hörer-Feedback zum (Live)Interview kann einem Autor helfen, den Radiobeitrag zu verbessern, schärft wiederum das Profil und sorgt für Hörerbindung. Crowdradio mal anders.

Foto (s.o.): CC-BY Flickr/David Jones

(4) Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die Anregungen. Die Idee, Leute live bei Interviews für spätere Radiobeiträge dabei sein zu lassen, finde ich charmant. Aber zumindest in meiner Arbeit kommt das nur für die wenigsten Interviews infrage. Gerade bei den Interviews, bei denen es richtig interessant wäre, würde durch die Live-Situation etwas verloren gehen: Um gute Interviews zu bekommen, habe ich jetzt schon genug Mühe, die Interviewpartner die Technik vergessen zu lassen. Und auch ich selbst will mich möglichst voll und ganz auf das Gespräch konzentrieren und nicht auf meinen Upstream achten müssen. Aber: Bei manchen Gelegenheiten kann ich mir durchaus vorstellen, das mal auszuprobieren. Dabei muss dann aber auch dem Hörer klar sein: Das hier ist keine Live-Reportage, die auf den Punkt ist, sondern er ist bei meiner Recherche dabei.

    Antworten

    • „Dabei muss dann aber auch dem Hörer klar sein: Das hier ist keine Live-Reportage, die auf den Punkt ist, sondern er ist bei meiner Recherche dabei.“ – Genau darauf wollte ich hinaus. Ich glaube, dass diese Hörer-Einbindung gerade bei (Recherche)-Interviews für längere Stücke sinnvoll sein könnte, z.B. für Feature, ausführliche Hintergrundberichte, etc. Die Technik kann man übrigens durchaus „unsichtbar“ gestalten. Das Equipment kann komplett im Koffer oder in der Tasche verschwinden. Sichtbar ist lediglich das Mikro und ggf. das Aufnahmegerät zur Aussteuerung. Das Streamen geschieht ja ohne mein Zutun.

      Antworten

  2. Für freie Radios aber auch Bürgersender sicher interessant. Vor allem könnten sich dann ehrenamtliche Sendungsmacher diese Technik leisten und selbst überall live senden. Das hätte sicherlich seinen Reiz.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


5 × fünf =