Das Radio braucht dringend mehr Klanghandwerker

Ich war von Sonntag bis Dienstag bei den Tutzinger Radiotagen und habe mit Florian Schwinn und Sandra Müller einen Impulsvortrag gehalten und einen Workshop über radiophones Erzählen veranstaltet. Wir haben ein bisschen experimentiert, viel Radio gehört und noch mehr über das Hören und Erzählen im Radio (und in Podcasts) gesprochen. Eigentlich wollte ich eine Liste mit Hörbeispielen zusammentragen, die ich und die Gruppe im Workshop für besonders gut erzähltes Radio halten aber der Text entwickelte sich beim Schreiben in eine etwas andere Richtung. Eine Mischung aus Rant und Wunschliste.

Das Radio braucht dringend mehr Klanghandwerker

Radio erzählt nicht, es verkündet. Es wirkt wie der Lautsprecher einer Tageszeitung von gestern. Die größte Stärke, Inhalt mit Klang und Emotion zu verbinden, spielt das Radio von heute viel zu selten aus und bleibt damit weit hinter den Möglichkeiten zurück. Radiophon betrachtet, steckt es in einer tiefen Sinnkrise.

Moderationen und Nachrichten werden zunehmend mit geschmacklosen Musikbetten zugekleistert, in dem Irrglauben, dass das etwas mit gutem Sounddesign zu tun hätte. Authentische Klänge und Geräusche, die für die Herstellung eines narrativen Zusammenhangs relevant sein könnten, finden selten bis gar nicht statt – das passt offenbar nicht in das Reißbrett-Produktionsschema “moderner” Radiosender. O-Töne und Interviews werden zerschnitten – Denkpausen, minimale Versprecher und Atmer werden entfernt um Zeit zu sparen. Das Ergebnis sind emotionsarme und inhaltsleere Wortschnipsel, die im Ergebnis immer mehr der synthetischen Sprachausgabe eines Computers ähneln. Der ohnehin geringe Wortanteil im Radio hat offenbar keine Zeit mehr für menschlichen Klang. Dazu kommt, dass die natürlichen Stimmen der Moderatoren, Sprecher und Interviewpartner konstant mit Effekten so aufgeputscht werden, dass möglichst wenig Dynamik entsteht – eine gleichbleibende LAUTSTÄRKE ist das Ziel. Hauptsache man wird gehört. Irgendwie muss man sich im Alltagslärm auf der Autobahn, am Küchenstisch, im Büro und gegenüber den Konkurrenz-Wellen ja durchsetzen. Damit entfernt sich das Radio immer weiter von der klanglichen Realität und Menschlichkeit und wirkt wie ein verzweifelter Megaphon-Verkünder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, der in einer Fußgängerzone wildfremde Menschen verfolgt. Und das gilt übrigens nicht nur für die Klischee-Morningshows der Privatradios.

Die Stereophonie im Radio existiert seit über 50 Jahren aber bis heute wird das klangliche Potenzial dieser alten Technik kaum ausgeschöpft. Während in Fernsehdokumentationen kein Bild ohne Ton entsteht, werden im Radio “trockene” Aufsager und vorgetragene Texte in 2:30 Minuten als Radioreportage versendet, oft sogar ohne jemals am Ort des Geschehens gewesen zu sein. Dabei war es noch nie so einfach einen guten Ton zu bekommen. Digitale Audiorekorder und Stereomikrofone ermöglichen stunden- oder sogar tagelange Tonaufnahmen in hoher Qualität. Digitale Schnittprogramme liefern Mehrspurproduktionen mit wenigen Klicks am Computer. Der Aufwand für gut produziertes Audio war noch nie so gering und niedrigschwellig. Technik allein kann das klangliche Defizit im Radio jedoch nicht überwinden. Meistens scheitern radiophon erzählte Stücke schon am Denken, denn der Sound wird viel zu selten in die Planung und Entstehung einer Radioproduktion mit einbezogen und von Anfang an mitgedacht. Hier sind ein paar Fragen, die sich Sender, Autoren und Produzenten viel zu selten stellen: Inwiefern können Musik und Geräusche das Gesagte verstärken, unterstreichen oder abschwächen? Was wäre das richtige Geräusch für die Aussage in einem O-Ton oder den Text eines Sprechers? Welche Klangatmosphäre hilft bei der Erzählung und Beschreibung einer Situation? Wie kann man mit diesen klanglichen Mitteln eine Dramaturgie erzeugen? Solche Gedanken für radiophone Erzählformen kosten Zeit – und die sollte bzw. muss sich das Radio endlich nehmen.

Der Info-Wettlauf mit dem Netz ist nicht zu gewinnen. Und das ist gut so. Das Radio wird endlich dazu gezwungen, Formen jenseits vorgetragener Texte zu entwickeln und umzusetzen, die einem rein akustischen Medium auch tatsächlich gerecht werden. Wer das nicht wahr haben will oder verhindert, wird es sehr bald sehr schwer haben. Vielleicht sollte sich das Radio grundsätzlich davon verabschieden, sich selbst als aktuellen Informationskanal zu definieren. Die zeitlich entzerrte Aufarbeitung, Erzählung und Erklärung sowie der Fokus auf den Hintergrund von Ereignissen sollte im Radio einen viel größeren Stellenwert erhalten. Texte vorlesen reicht nicht mehr und eingesprochene Texte oder Moderationen wahllos mit Sound zuzukleistern erst recht nicht. Wenn Radiomacher nicht lernen, das Potenzial und die Kraft ihres Mediums zu erkennen und zu nutzen, dann verlieren sie nicht nur an Relevanz sondern früher oder später auch ihre Daseinsberechtigung. Musik wird schließlich schon heute zunehmend von Streamingdiensten geliefert und Texte könnten in der Welt von morgen oder übermorgen problemlos von Sprachsynthese-Programmen vorgetragen werden. Musik nach dem eigenen Geschmack und personalisierte, künstliche Sprecher. Die Kombination aus Beidem wäre das Ende für das heutige Radio, denn einen Mehrwert zu diesem Szenario liefert es nicht.

Dabei ist die Lösung eigentlich ganz einfach: Die stärkste und nachhaltigste Bindung zum Hörer erreicht das Radio, indem es Klangerlebnisse schafft und erzählerische Formen präsentiert, die Information und Emotion zusammenbringen. Dafür braucht es Kreativität jenseits von auditiven Kopien geschriebener Worte. Das geht am besten, in dem man sich ausreichend Zeit nimmt, auch für ein hörbar lautes Nachdenken, Zweifeln und Nachdenkpausen inkl. dem Mut für menschliche Fehler und natürliche Nuancen in der Sprache. Radio sollte unbedingt wieder menschlicher und klanglich authentischer werden. Echt und wahrhaftig erzählen (lassen), nicht vortragen und künstlich beschneiden. Raum für klangliche Dynamik bieten und mit der soundtechnischen Verstärkung oder Abschwächung spielen und experimentieren. Die Experimentierfreudigkeit von Startups, ja sogar die von etablierten Online- und alteingesessenen Printmedien ist um ein vielfaches höher als das, was Radiosender heutzutage veranstalten. Anstatt einfach nur Musik zu spielen wäre es viel sinnvoller, mit Worten eine emotionale und inhaltiche Bindung zu Musik herzustellen. Außerdem muss dringend ein Bewusstsein dafür her, die klangliche Sensibilität für Orte und Situationen zu schärfen, damit Radio endlich wieder zum (Klang)Erlebnis wird.

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