Antiker Pop und frischer Jazz. Musikauswahl für Radiofeuilleton im Deutschlandradio Kultur vom 22.03.2014

Antiker Pop, Frischer Jazz, Netzmusik - Musikauswahl für Radiofeuilleton im Deutschlandradio Kultur vom 22.03.2014

Musik aus längst vergangenen Zeiten und moderne Klänge der Gegenwart. Avangardistischer Jazz, antike folkloristische Klänge und Musik, die den Sound einer Schreibmaschine mit einem Klavier verbindet. Los geht’s mit dem britischen Jazz-Trio GoGo Penguin. “Hopopono” heißt eines der 10 neuen Stück ihres Albums „v2.0“. Unkonventionell sind die drei Briten aus Manchester nicht nur bei der Namensgebung ihrer Band und Titel, sondern auch im Klang. In ihrem Heimatland England werden sie schon als die neuen Stars der britischen Jazz-Szene gehandelt, gerade weil sie sich gegenüber so vielen verschiedenen musikalischen Stilen öffnen. Von Elektro, über Triphop bis Klassik reichen die Ebenen ihrer Jazz-Klänge.

Die Einflüsse der Musik von GoGo Penguin reichen also Jahrhunderte zurück. Eigentlich sogar Jahrausende. Diese These vertritt zumindest der britische Musikforscher Armand D’Angour. Er ist davon überzeugt, dass sich die westliche Musikgeschichte mindestens bis ins Jahr 200 vor Christus zurückverfolgen lässt. Aus dieser Zeit stammt nämlich die bisher älteste bekannte Komposition. Das Seikilos-Lied. Es wurde im antiken Griechenland in einen Grabstein gemeißelt. Aber nicht mit Noten, wie wir sie heute kennen. In dem eingravierten Text markieren Buchstaben und Silben die Tonhöhe und den Rhythmus und es gibt Symbole, die für die Tondauer stehen. Durch archäologische Funde weiß man sogar wie Instrumente aus dieser Zeit aussehen. Und mit diesem Wissen, lässt sich die antike Inschrift musikalisch rekonstruieren.

Das Seikilos-Lied, ein antiker Vierzeiler aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Musikalisch ist das Ganze auch nach weit über 2000 Jahren noch nicht aus der Mode gekommen. Die Video-Plattform Youtube ist voll von Adaptionen dieses Stücks. Und auch textlich ist das Lied immernoch aktuell: “Solange du lebst, tritt auch in Erscheinung. Traure über nichts zu viel. Eine kurze Frist bleibt zum Leben. Das Ende bringt die Zeit von selbst.” Wenn man diese Zeilen ließt, könnte man denken, dass sie auch den Berliner Pianisten Oskar Schuster inspiriert haben. Denn seine Klavierklänge wirken mindestens genauso nachdenklich und introvertiert. Musikalisch erinnern seine Stücke hin und wieder an die Kompositionen von Yann Tiersen. In der vergangenen Woche erschien Oskar Schusters neues Album. Sneeuwland heißt es. Neben dem Klavier spielen darauf dezente elektronische Effekte und eine Schreibmaschine eine Rolle. Die Tasten und Klick-Geräusche ersetzen dabei den Klang eines Schlagzeugs. Und in einem Stück wird Schusters Klavierspiel durch den Gesang von Possimiste aus Estland angereichert.

Es wird ja immer wieder darüber geredet und gestritten wie sehr das Internet die Musik verändert, bzw. das Musikbusiness. Die einen verdammen das Netz, da nun die goldenen Zeiten der CD-Verkäufe vorbei sind. Andere sehen es als große Chance für kleine Künstler. Es wird also viel über das Thema gesprochen aber wenig darüber gesungen. Das hat sich wohl die dänische Band Dad Rocks gedacht und mit “Peers” ein Song über Musik im Web 2.0 Zeitalter veröffentlicht. In dem Stück heißt es zum Beispiel: “Du lädtst unsere Musik über eine Tauschbörse herunter. Aber das ist OK, denn die Songs, die wir spielen klingen irgendwie immer gleich.” Selbstreferenziell und selbstironisch. Diese Art von Humor und Indiefolk ist eine seltene Kombination. Und auch die Thematik, also der Wert von Musik im Internetzeitalter, ist eher untypisch aber gerade deshalb empfehlenswert.

Mit dem Internet beschäftigen sich Dad Rocks öfter. Cyber Bullies heißt ein weiterer Song ihres neuen Albums “Year Of The Flesh” heißt es. Anfang April wird es erscheinen. Etwas schneller war Scott Hanson alias Tycho. Der US-Elektronika-Künstler hat in dieser Woche sein viertes Album veröffentlicht. Awake heißt es. Im Internet haben seine Songs bereits einige Millionen Klicks erzeugt. U.a. bei Youtube und Soundcloud. Trotz der elektronischen Elemente wirken seine Stücke sehr organisch. Dieser Eindruck wird auf dem neuen Album noch verstärkt, denn der einstige Solo-Act Tycho ist zu einer Band herangewachsen. Die ist übrigens ab kommender Woche auf Nordamerika und Europa-Tour. Wer Tycho live sehen will, bekommt dafür nur eine einzige Möglichkeit. Nächsten Sonntag spielt Tycho das einzige Deutschland-Konzert, im Bi-Nuu, in Berlin-Kreuzberg.

Foto (s.o.) CC-BY Flickr/aloshbennett

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